
Grauguss oder Sphäroguss? Der ultimative Guide für den Maschinenbau.
EN-GJL oder EN-GJS? Wir beleuchten die Mikrostruktur, Dämpfungseigenschaften und mechanischen Kennwerte. Treffen Sie die beste Werkstoffentscheidung für Ihre Baugruppen.
Warum die richtige Werkstoffwahl 80 % der Bauteilkosten bestimmt
Konstrukteure stehen beim Design eines neuen Maschinenbetts, Getriebegehäuses oder Antriebsstrangs unweigerlich vor der Frage: Welcher Gusswerkstoff ist der richtige? Ein "Überdimensionieren" durch die falsche Materialwahl (z. B. teurer Stahlguss wenn Gusseisen mit Kugelgraphit völlig ausreichen würde) treibt die Kosten bei Gussteilen enorm in die Höhe. Gleichzeitig führt Unterdimensionierung zu den gefürchteten Maschinenstillständen durch Bauteil-Bruch.

Grauguss (links, Lamellen) vs. Sphäroguss (rechts, Kugeln) – der Unterschied liegt in der Graphitform.
Grauguss (EN-GJL)
- Exzellente Schwingungsdämpfung (Absorbiert Vibrationen besser als Stahl)
- Hervorragende Zerspanbarkeit
- Sehr gute und fließfreudige Gießeigenschaften
- Geringe Zugfestigkeit (Sprödes Verhalten)
Optimal für:
Maschinenbetten, Pumpengehäuse, Bremsscheiben, Zylinderblöcke.
Sphäroguss (EN-GJS)
- Sehr hohe Zug- und Dauerfestigkeit
- Zäher, bruchsicherer Werkstoff (plastische Verformbarkeit)
- Leichtbauteile sind realisierbar (Wandstärken-Reduktion)
- Höherer Schwindungsausgleich gießtechnisch nötig
Optimal für:
Zahnräder, Kurbelwellen, Radnaben, Lenkungs- & Sicherheitsteile.
Was unterscheidet Grauguss und Sphäroguss strukturell?
Grauguss (EN-GJL nach DIN EN 1561) verdankt seine exzellenten Dämpfungseigenschaften der Struktur seines eingelagerten Kohlenstoffs (Graphit). Dieser liegt in Lamellenform vor. Stellen Sie sich lamellare Graphitadern wie winzig kleine Risse im mikroskopischen Bereich der Matrix vor. Sie schlucken hochfrequente Vibrationen (Schall), was z.B. bei Motorblöcken erwünscht ist. Gleichzeitig mindern diese "Mini-Kerben" aber die Zugfestigkeit unter Last und sorgen dafür, dass das Material bei plötzlicher Überlastung "wie Glas" bricht (ohne vorherige plastische Dehnung).
Im Sphäroguss (EN-GJS nach DIN EN 1563) hingegen wird der Graphit durch Magnesiumzusätze beim Schmelzprozess in eine rundliche, kugelige Form gezwungen. Kugeln kerben das Grundgefüge nicht ein. Das Eisen behält dadurch weitestgehend die Festigkeit von reinem Stahl, lässt sich aber dank des Graphits viel besser und porenfreier gießen als Stahlguss. Normklassifizierungen wie EN-GJS-400-15 glänzen durch phänomenale Dehnungs-Parameter von bis zu 15%.
Wann lohnt sich austemperierter Sphäroguss (ADI)?
Neben dem standardisierten "Gusszustand" bietet Sphäroguss ein oft übersehenes Tuning-Potenzial: Die nachträgliche Wärmebehandlung. Das bekannteste Verfahren bringt den sogenannten Austemperierten Sphäroguss (ADI - Austempered Ductile Iron) hervor.

Die Vorzüge von ADI
Durch einen speziellen, mehrstufigen Härteprozess (Austemperieren im Salzbad) wird ein Bainit-ähnliches Gefüge aus Ferrit und kohlenstoffangereichertem Austenit erzeugt ("Ausferrit"). Das Resultat ist spektakulär:
- Zugfestigkeiten [Rm] von bis zu 1600 N/mm²
- Extreme Verschleißfestigkeit, ähnlich hochwertigem Einsatzstahl
- Gewichtsersparnis im Vergleich zu Stahlguss um bis zu 10%
- Bessere Dämpfung als reiner Stahl, bei vergleichbarer Härte
Diese Eigenschaften machen ADI zum bevorzugten Werkstoff für hochbelastete Getrieberäder, Fahrwerkskomponenten in Landmaschinen oder Verschleißteile im Bergbau. Wenn Sphäroguss an seine Grenzen stößt, spart ADI oft den teuren Umstieg auf teuren Stahlguss.
Welcher Werkstoff lässt sich günstiger zerspanen?
Der Kilopreis beim Gießen ist nur die halbe Wahrheit. Den "Total Cost of Ownership" (TCO) dominieren meist die anschließenden Dreh- und Fräsoperationen (CNC-Bearbeitung). Hier spielt Grauguss (EN-GJL) seinen größten Trumpf aus: Der Lamellengraphit wirkt wie ein eingebautes Schmiermittel und Spanbrecher. Es entstehen kurze Krümelspäne, was die Werkzeugstandzeiten der Fräsköpfe drastisch erhöht und manuelle Spanabfuhr hinfällig macht.
Sphäroguss (EN-GJS) hingegen erzeugt eher Fließspäne und erfordert durch seine höhere Härte stärkere Zerspanungskräfte. Ein Bauteil, das zu 90% seiner Oberfläche schwer zerspant werden muss (z.B. komplexe Hydraulikblöcke), profitiert wirtschaftlich enorm, wenn es aus Grauguss gegossen werden kann - sofern die statischen Belastungsgrenzen es erlauben.
Wie unterscheiden sich EN-GJL-250 und EN-GJS-400-15 messbar?
| Eigenschaft (Ø) | EN-GJL-250 (Grauguss) | EN-GJS-400-15 (Sphäroguss) |
|---|---|---|
| Zugfestigkeit [Rm] | 250 N/mm² | min. 400 N/mm² (Deutlich robuster) |
| Bruchdehnung [A] | ~ 0,5 % (Sehr spröde) | min. 15 % (Verformbar vor Bruch) |
| Härte [HB] | 160 – 210 HB | 130 – 180 HB (Meist weicher & duktiler) |
| Schwingungsdämpfung | Sehr Gut (Logarithmisches Dekrement ~0,3) | Geringer (~0,05) - "Es klingt wie Stahl" |
Fazit: Wann wechseln sich die Werkstoffe ab?
Suchen Sie höchste Steifigkeit bei geringem Bauteil-Gewicht im Nutzfahrzeugbau? Durch einen Wechsel vom Material Grauguss hin zu Sphäroguss (EN-GJS) können Wandstärken oft massiv reduziert werden (Leichtbau), weil die Zugfestigkeit so dramatisch steigt. Bauteile, die statisch ruhen (Gehäuse, Standfüße) und Vibrationen vom Bearbeitungszentrum fernhalten sollen, gießen wir zwingend in EN-GJL.
Welche Gusseisen-Sorten gibt es und wofür werden sie eingesetzt?
Neben den beiden Hauptkategorien Grauguss und Sphäroguss gibt es ein breites Spektrum an Normbezeichnungen und Sorten, die Konstrukteure kennen sollten. Wir haben die gängigsten Gusseisen-Werkstoffe für den Maschinenbau zusammengefasst – inklusive ihrer typischen Einsatzgebiete und Besonderheiten.
| Werkstoff-Norm | Rm (N/mm²) | Dehnung A (%) | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| EN-GJL-200 | 200 | ~0,3% | Grundplatten, Abdeckungen, wenig belastete Gehäuse |
| EN-GJL-250 | 250 | ~0,5% | Maschinenbetten, Motorblöcke, Bremsscheiben |
| EN-GJS-400-15 | 400 | 15% | Druckbeanspruchte Gehäuse, Radnaben, Ventilkörper |
| EN-GJS-600-3 | 600 | 3% | Kurbelwellen, hochbelastete Zahnräder, Fahrwerke |
| ADI (EN-GJS-800-8) | 800–1600 | 1–8% | Hochbelastete Verschleißteile, Ersatz für Stahlguss |
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Häufige Fragen zur Werkstoffwahl Grauguss vs Sphäroguss
Was ist der Unterschied zwischen Grauguss und Sphäroguss?
Wann ist Grauguss die richtige Wahl?
Wann muss Sphäroguss verwendet werden?
Was kostet Grauguss vs Sphäroguss pro Kilogramm 2026?
Welche Norm gilt für Grauguss und Sphäroguss?
Kann man Grauguss schweißen?
Was ist ADI-Sphäroguss und wann ist er sinnvoller als Stahlguss?
Welche minimalen Wandstärken sind bei Grauguss und Sphäroguss möglich?
Wolfgang Winkler führt Intrapex in zweiter Generation und betreut seit über zwei Jahrzehnten Industriekunden in Bahntechnik, Maschinenbau und Pumpenindustrie bei Werkstoffwahl, Werks-Auswahl und Reverse Engineering von Gussteilen.
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