Grauguss spanende Bearbeitung Gussteile
Fertigungstechnik & Werkstoffkunde

Grauguss bearbeiten: Tipps zur spanenden Bearbeitung von Gussteilen

Ein praxisnaher Leitfaden für Zerspaner und Konstrukteure: Welches Werkzeug für welchen Grauguss? Welche Schnittwerte liefern die beste Oberflächengüte? Und welche Fehler sollten Sie unbedingt vermeiden?

Was unterscheidet die Bearbeitung von Grauguss und Stahl?

Grauguss (EN-GJL, früher GG) ist mit einem Anteil von über 70 % der weltweit am häufigsten gegossene Werkstoff. Seine Beliebtheit verdankt er hervorragenden Dämpfungseigenschaften, guter Wärmeleitfähigkeit und nicht zuletzt der Tatsache, dass er sich hervorragend zerspanen lässt. Doch wer Grauguss wie Stahl bearbeitet, macht einen grundlegenden Fehler.

Die lamellare Graphitstruktur im Gefüge von Grauguss wirkt während der spanenden Bearbeitung wie ein eingebauter Spanbrecher. Das bedeutet: Die Späne brechen kurz ab, es entstehen keine langen, gefährlichen Spänestücke. Gleichzeitig wirkt der Graphit als Feststoffschmierstoff an der Schneidkante, was den Verschleiß reduziert. Das klingt zunächst vorteilhaft – und ist es auch, vorausgesetzt, Sie wählen die richtigen Bearbeitungsparameter.

Die Besonderheit: Grauguss bildet keine durchgehende Spanform aus. Stattdessen entsteht Bröckelspan, der die Werkzeugführung nicht behindert, aber unbedingt abgeführt werden muss. Diese Eigenschaft erfordert eine angepasste Strategie bei Werkzeugwahl, Schnittwerten und vor allem bei der Kühlung.

Werkzeugwahl: Das richtige Schneidmaterial

Die Wahl des Schneidstoffs entscheidet über Werkzeugstandzeit, Oberflächenqualität und Wirtschaftlichkeit. Für Grauguss stehen im Wesentlichen drei Werkzeugklassen zur Verfügung:

Hartmetall (HM)

Der Standard für die meisten Grauguss-Bearbeitungen. Unbeschichtetes Hartmetall K10–K20 funktioniert gut bei mittleren Schnittgeschwindigkeiten. Für höhere Produktivität empfehlen sich PVD-beschichtete Hartmetall-Wendeschneidplatten mit TiAlN- oder AlCrN-Schichten.

Schnittgeschwindigkeit: 100–250 m/min

Cermets

Cermet-Wendeschneidplatten (TiC/TiN-Basis) eignen sich besonders für Feinbearbeitung und erreichen exzellente Oberflächen. Sie sind härter als Hartmetall, aber spröder – ideal für unterbrochene Schnitte mit geringer Zuspitzung.

Schnittgeschwindigkeit: 150–350 m/min

CBN & Keramik

Kubisches Bornitrid (CBN) und Schneidkeramik kommen bei Hochleistungsbearbeitung zum Einsatz. CBN ermöglicht Schnittgeschwindigkeiten bis 1000 m/min – ideal für Großserien. Keramik ist kostengünstiger, erfordert aber steife Maschinen.

Schnittgeschwindigkeit: 500–1000 m/min

Schnittwerte: Empfohlene Parameter für Grauguss

Die optimalen Schnittwerte hängen von der Grauguss-Güte (EN-GJL-150 bis EN-GJL-300), der Gusswandstärke und dem Einsatzzweck ab. Die folgende Tabelle liefert bewährte Richtwerte für die Drehbearbeitung mit beschichtetem Hartmetall:

Bearbeitungvc (m/min)f (mm/U)ap (mm)
Schruppen100–1800,2–0,52,0–5,0
Schlichten150–2500,05–0,150,5–1,5
Feindrehen180–3000,03–0,080,2–0,8
Hartdrehen (CBN)400–8000,05–0,120,1–0,5

Profi-Tipp

Gusshäute (die äußere Schicht des Gussteils) können deutlich härter sein als der Kern. Verwenden Sie beim ersten Schnitt eine reduzierte Schnittgeschwindigkeit und erhöhen Sie den Vorschub, um die harte Haut schnell zu durchdringen. Danach können Sie mit normalen Parametern weiterarbeiten.

Kühlung und Schmierung: Trockenbearbeitung vs. KSS

Eine der größten Stärken von Grauguss bei der Zerspanung: Er lässt sich hervorragend trocken bearbeiten. Der im Werkstoff enthaltene Graphit wirkt als integrierter Schmierstoff und reduziert den Werkzeugverschleiß erheblich. In der Praxis bedeutet das:

Trockenbearbeitung

  • Standardverfahren für Grauguss-Dreh- und Fräsarbeiten
  • Keine KSS-Kosten, keine Entsorgungsproblematik
  • Trockene Späne sind einfacher zu recyceln
  • Sauberere Arbeitsumgebung, bessere Sicht auf den Spanraum

Mit Kühlschmierstoff (KSS)

  • Empfohlen bei Bohrungen (Späneabtransport!)
  • Sinnvoll bei Gewindeschneiden und Reiben
  • Reduziert Staubbildung bei offenen Bearbeitungen
  • Achtung: KSS kann bei Grauguss zu Rostproblemen führen

Besonderes Augenmerk verdienen Bohrungen in Grauguss. Hier empfiehlt sich der Einsatz von KSS zwingend, da der kurze Bröckelspan die Bohrung verstopfen kann. Verwenden Sie Bohrer mit innerer Kühlmittelzufuhr und ausreichendem Vorschub, um den Span aktiv nach oben zu transportieren.

5 häufige Fehler bei der Grauguss-Bearbeitung

1. Zu geringe Schnittgeschwindigkeit

Wer zu langsam dreht oder fräst, riskiert Aufbauschneidenbildung. Der Werkstoff schmiert nicht mehr, sondern klebt am Werkzeug fest. Die Folge: schlechte Oberflächen und erhöhter Verschleiß. Grauguss verträgt – und erfordert – deutlich höhere Schnittgeschwindigkeiten als Stahl.

2. Gusshaut nicht berücksichtigen

Die äußere Gusshaut ist durch den Abkühlprozess deutlich härter als das Kerngefüge und kann Härten bis 400 HB aufweisen. Wer die Gusshaut mit Schlicht-Parametern bearbeitet, zerstört sein Werkzeug innerhalb weniger Umdrehungen. Erster Schnitt immer mit reduzierter Geschwindigkeit und robustem Werkzeug!

3. Falscher Spannwinkel

Negative Spannwinkel sind bei Grauguss nicht zwingend nötig – im Gegensatz zu Sphäroguss. Ein leicht positiver Spannwinkel (3–8°) reduziert die Schnittkraft und verbessert die Oberfläche. Negative Winkel erhöhen die Schnittkraft unnötig und belasten die Maschine.

4. Späne nicht abführen

Grauguss-Späne sind schleifend und abrasiv. Wenn sie im Spanraum verbleiben, beschädigen sie Führungsbahnen und Maßaufnehmer. Eine effektive Späneabfuhr – ob durch Luftblasen oder KSS – ist essenziell für Maschinenlebensdauer und Maßhaltigkeit.

5. Grauguss gleich Sphäroguss behandeln

Sphäroguss (EN-GJS) hat eine kugelige Graphitstruktur und ist deutlich zäher. Während Grauguss kurze Bröckelspäne bildet, neigt Sphäroguss zu längerem Spanabfluss und höheren Schnittkräften. Wer die Bearbeitungsstrategie nicht anpasst, riskiert Werkzeugbruch. Mehr dazu in unserem Grauguss-oder-Sphäroguss-Guide.

Spezielle Verfahren: Bohren, Fräsen und Gewindeschneiden

Neben dem Drehen gibt es bei der Graugussbearbeitung weitere Verfahren, die angepasste Strategien erfordern. Hier die wichtigsten Tipps für Bohrarbeiten, Fräsen und Gewindeschneiden:

Bohren

  • • VKS-Borer (Vollhartmetall) mit innerer KSS-Zufuhr
  • • Schnittgeschwindigkeit: 60–120 m/min
  • • Vorschub: 0,08–0,20 mm/U
  • • KSS empfohlen für Späneabtransport
  • • Bei tiefen Bohrungen: Pecking-Zyklus verwenden

Fräsen

  • • Wendeplatten-Fräser mit positiver Geometrie
  • • vc: 120–250 m/min (HM), bis 500 m/min (CBN)
  • • fz: 0,1–0,3 mm/Zahn
  • • Trockenbearbeitung bevorzugen
  • • Bei Har Gusshaut: erste Passage mit reduzierter vc

Gewindeschneiden

  • • Gewindebohrer aus HSS-Co oder Vollhartmetall
  • • KSS zwingend erforderlich
  • • Schnittgeschwindigkeit: 10–25 m/min
  • • Formel-Gewindebohrer bevorzugen
  • • Spannungen im Guss berücksichtigen (Aufmaß!)

Oberflächengüte: Was ist erreichbar?

Grauguss lässt sich zu erstaunlich guten Oberflächen bearbeiten. Entscheidend ist die Wahl der richtigen Parameter und Werkzeuge. Die folgende Übersicht zeigt, welche Rauheiten mit welchen Verfahren typischerweise erreicht werden:

Drehen

SchruppenRa 6,3–12,5 µm
Schlichten (HM)Ra 1,6–6,3 µm
Feindrehen (Cermet)Ra 0,8–3,2 µm
Hartdrehen (CBN)Ra 0,4–1,6 µm

Fräsen

SchruppfräsenRa 6,3–12,5 µm
SchlichtfräsenRa 1,6–6,3 µm
FeinfräsenRa 0,8–3,2 µm
HochpräzisionsfräsenRa 0,4–1,6 µm

Für die meisten industriellen Anwendungen genügen Ra-Werte von 3,2–6,3 µm, die sich mit Standard-Hartmetallwerkzeugen problemlos erreichen lassen. Dichtflächen erfordern Ra ≤ 1,6 µm – hier lohnt sich der Einsatz von Cermets oder CBN. Lesen Sie dazu auch unseren Artikel über gussgerechte Konstruktion.

Häufige Fragen zur Grauguss-Bearbeitung

Warum verschleißen Werkzeuge bei Grauguss-Bearbeitung schneller als bei Stahl?
Grauguss enthält harte Karbidphasen (Zementit, Phosphidkarbide) und abrasive Sandeinschlüsse aus dem Gussvorgang. Diese wirken wie Schleifkörper auf die Werkzeugschneide. Lösung: höhere HM-Sorten (K10, K20), Cermet oder CBN; konsequente Trockenbearbeitung (KSS würde den Spanbruch stören).
Welche Schnittgeschwindigkeit ist für Grauguss optimal?
EN-GJL-200 mit Hartmetall K20: vc 80–150 m/min Schruppen, 120–250 m/min Schlichten. EN-GJL-300 etwas langsamer (50–100 m/min Schruppen). Mit CBN bis 600 m/min möglich (Hartdrehen). Vorschub Schruppen 0,3–0,8 mm/U, Schlichten 0,1–0,3 mm/U.
Trockenbearbeitung oder Kühlschmierstoff bei Grauguss?
Trockenbearbeitung ist Standard: der Graphit wirkt als Selbstschmierung, KSS würde den Spanbruch beeinträchtigen und den Graphitstaub binden (Reinigungsproblem). Ausnahmen: Tieflochbohren (Innenkühlung sinnvoll) und Gewindeschneiden (Schneidöl reduziert Werkzeugverschleiß).
Welche Werkzeugsorte für Bohren in Grauguss?
VHM-Bohrer K20–K40 mit polierten Spannuten und vergrößerter Spitzenwinkelfreifläche. Spitzenwinkel 118° Standard, bei Hartguss 130°. Innenkühlung wenn möglich (Spanausspülung). Bei tiefer als 5×D Tieflochbohren mit MMS oder Druckluft.
Was ist die typische Oberflächengüte beim Grauguss-Drehen?
Hartmetall-Schlichten: Ra 1,6–6,3 µm Standard. Cermet-Feindrehen: Ra 0,8–3,2 µm. CBN-Hartdrehen: Ra 0,4–1,6 µm (Schleifqualität). Beim Fräsen ähnliche Werte. Für Dichtflächen Ra ≤ 1,6 µm empfehlenswert.
Wie vermeidet man Ausbrüche an den Bauteilkanten?
Anfasen statt scharfer Kanten vorsehen (Konstruktionsmaßnahme), Werkzeugauslauf richtig wählen (immer von hart nach weich), Vorschub bei Kantenausläufen reduzieren, scharfe Hartmetallsorten (K10) statt zähe Sorten verwenden.
Wann lohnt sich CBN gegenüber Hartmetall?
Ab Standzeit > 8 h auf einem Werkzeug, bei Hartguss (> 250 HB) oder bei Hochpräzisionsanwendungen (Ra ≤ 1,6 µm). Standzeit von CBN-Drehmeißeln in EN-GJL-300: 6–12× länger als HM. Mehrpreis CBN amortisiert sich ab 200 bearbeiteten Teilen.
Wolfgang WinklerGeschäftsführer Intrapex GmbH · seit 1997 im Guss-Geschäft

Wolfgang Winkler führt Intrapex in zweiter Generation und betreut seit über zwei Jahrzehnten Industriekunden in Bahntechnik, Maschinenbau und Pumpenindustrie bei Werkstoffwahl, Werks-Auswahl und Reverse Engineering von Gussteilen.

Fachlich geprüft am

Brauchen Sie maßgefertigte Gussteile – bereits bearbeitungsgeeßt?

Intrapex liefert Grauguss- und Sphärogussteile in Netzwerkqualität. Wir optimieren Ihre Konstruktion für gussgerechte Fertigung und liefern auf Wunsch direkt mit CNC-Bearbeitung. Sprechen Sie mit unseren Experten.